Ev. Luth. Kirchgemeinde Pleißa

 

Andacht  

20.09.2020

 

Der „gesunde Menschenverstand“: Was  genau ist das in Zeiten der Krankheit? Ganz gleich, ob jemand für mehr oder weniger Corona-Maßnahmen einsetzt, muß diese Frage geklärt werden. Denn es ist die Frage danach, woher wir wissen, was wir tun. Es geht um den Maßstab.

Die einen haben einen Bekannten, der durch Corona verursachte schwere Atemprobleme hatte. Andere kommen aus „Hot-Spot“ Ländern, in denen kein Mensch sichtbar erkrankt war. Die einen glauben alles, was im Fernseher läuft. Die nächsten trauen keiner Information mehr. Die einen sind ängstlich, andere vor allem wütend. 

Was ist richtig? Mir scheint, derzeit „wurschtelt“ sich jeder irgendwie durch. Das läßt sich am Mundschutz wunderbar sehen: Viele tragen mittlerweile den „Mund-Kinn-Schutz“ in den Läden, d.h. die Maske bedeckt nicht mehr die Nase, weil viele gemerkt haben, dass es sich kaum atmen lässt mit so einem Ding vor Mund und Nase. Eine „Mund-Kinn“- Bedeckung schütz natürlich gar nicht, aber sie befolgt ungefähr die staatliche Anordnung, gibt relative Sicherheit und besänftigt auch die Angestellten im Supermarkt. Es ist nichts Halbes und nichts Ganzes, sondern so ein irgendwie zurecht kommen.

Vielleicht entspricht eine solche Handlung am ehesten dem „gesunden Menschenverstand“. Möglichst nicht anecken, halbwegs zufrieden und die Extreme meiden. Damit kann man sich arrangieren und findet wieder zur Ruhe. Aber nur in der trügerischen Ruhe des Luxus. Herbert Grönemeyer hat schon 1991 ein Lied darüber geschrieben: 

Alle Welt auf Droge. Städte im Schönheitsschlaf.
Passagiere schlürfen eifrig Austern. 
Gepflegt heißt die Parole. Gediegen gewinnt die Wahl.
Hier ist alles sauber, Frohsinn ist angesagt.
Wir drehen uns um uns selbst, denn was passiert, passiert.
Wir wollen keinen Einfluß. Wir werden gern regiert …“

Mit diesen bissigen Worten wird zugleich das Problem aufgedeckt. Wenn jeder sich irgendwie „durchwurschtelt“ bedeutet das natürlich, dass jeder sich nur um sich selber dreht. Der Selbsterhaltungstrieb kümmert sich nur um das eigene Wohlergehen. Solange ausreichend Luxus da ist, dämmern Menschen im Schönheitsschlaf vor sich hin. Wenn dieses Luxusleben in Gefahr ist, beginnt die Panik. Aus Angst schottet man sich gegen Ausländer und Corona ab.

Ich glaube nicht, dass man eine solche Haltung „gesunden Menschenverstand“ nennen sollte. Wer sich um sich selber dreht, hat schon bald kein Rückgrat mehr, sondern nur noch eine Wirbelsäule. Da hilft auch die Ausrede, man würde „sich selbst und andere schützen“ nicht.

„Gesunder Menschenverstand“ lehrt einen etwas ganz anderes. Zum Beispiel die Dankbarkeit. Allmählich sollte jeder gemerkt haben, dass Maßnahmen wie „Lock-Down“ gar nichts gebracht haben. Warum der eine infiziert ist und der andere nicht, warum der eine schwer erkrankt und die meisten nicht, lässt sich nicht feststellen. Ein halbwegs gesunder Verstand würde darum die nacheilende Schlussfolgerung ziehen: Es liegt nicht in unserer Hand.
Dann aber bleibt einem nichts anderes übrig als Dankbarkeit. Wir sollten dem dreieinigen Gott dankbar sein, dass es uns Deutsche aus welchen Gründen auch immer so gut wie gar nicht erwischt hat. Wir sollten dankbar sein, dass außer finanziellen Schäden nichts weiter schlimmes geschehen ist. Wo also bleibt der Dank gegenüber dem dreieinigen Gott?

„Gesunder Menschenverstand“ erkennt, dass nicht wir Menschen Wohl und Wehe in der Hand haben. Wir können bestenfalls durch Mitleid, Barmherzigkeit und Liebe das Leid der Welt ein wenig lindern. Darum ist es alles andere als gesund, wenn Sterbenden im Namen der Hygiene der Beistand der Familie untersagt wird. Oder wenn es nicht einmal mehr gestattet wird, im Pflegeheim den Segen Gottes durch Handauflegung zu zu sprechen. Wäre es nicht vernünftig zu erkennen, dass es durchaus wichtigere Dinge im Leben gibt als Hygiene?

„Was passiert, passiert“ doch wer verständig ist, zieht daraus nicht die Konsequenz, dass er sich nur um sich selber dreht. Sondern statt dessen wird er dankbar für das, was er unverdienterweise genießen darf. Und steht dem mit Liebe und Fürsorge bei, der zu leiden hat. Das nenne ich „gesunden Menschenverstand“: Einen Verstand, der den dreieinigen Gott lobt und den Nächsten liebt.


Ein herzliches Gott befohlen


Ihr Pfr. Mika J. Herold